97 Orchard Street – Zu Besuch bei Einwanderern vor 150 Jahren

Tenement 2

Das Treppengeländer aus Mahagoni im Haus 97 Orchard Street, New York, ist immer noch intakt, nach mehr als 150 Jahren, ganz glatt poliert von vielen tausend Händen. Heute streichen die Finger von Touristen darüber, früher hielten sich die Kinder von Einwanderern mit der einen Hand daran fest, während sie in der anderen den Wassereimer nach oben trugen, den sie draußen an der Pumpe gefüllt hatten.

Wo Manhattans Lower East Side liegt, führte im 18. Jahrhundert ein Weg zur Obstwiese eines Grundbesitzers. Geblieben ist davon der Name der Straße – Orchard Street, sechs Bahnstationen von der Wall Street entfernt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war diese Gegend zwischen Broadway und East River ein bürgerliches Wohnviertel. Als die Zahl der Einwanderer stieg, machten die Hauseigentümer Profit, indem sie die Fläche, die bislang eine Familie bewohnt hatte, an mehrere vermieteten.

Die konsequente Weiterentwicklung waren ab 1850 die Tenements, Häuser, die gleich für höchstmögliche Wohndichte gebaut wurden. Vier Wohnungen je Etage, 33 Quadratmeter je Wohnung, nur das Wohnzimmer hatte ein Fenster. Küche und Schlafzimmer lagen dahinter. Gekocht und geheizt wurde mit dem gusseisernen Kohleofen.

Baugesetze sorgten im Lauf der Jahrzehnte dafür, dass die Klos vom Hof ins Haus kamen, dass Wasser-, Strom- und Gasleitungen eingezogen wurden. Aber als 1935 das hölzerne Treppenhaus dem Brandschutz zuliebe gegen ein stählernes hätte ersetzt werden müssen, entschieden sich die Eigentümer von 97 Orchard Street dagegen. Sie kündigten ihren Mietern und nutzten die Wohnungen nur noch als Lagerräume.

Genau deshalb existiert dieses Tenement bis heute fast in seiner ursprünglichen Form – und wurde zum Museum. Jede Führung durch das Haus ist, als ob man einige der fast tausend Familien besuchen würde, die zwischen 1863 und 1935 hier gelebt haben.

Die Gumpertz aus Deutschland: Der Vater setzte sich eines Tages einfach ab, und die Mutter verwandelte das Wohnzimmer in eine Näherei, um die Familie durchzubringen. Die Moores aus Irland: Mutter Bridget starb bei der Geburt ihres elften Kindes, sie war 36 Jahre alt. Die Baldizzis aus Italien: Tochter Josephine erfuhr 1989 zufällig, dass 97 Orchard Street, das Haus, in dem sie aufgewachsen war, zum Museum werden sollte – und half dabei, ihre alte Wohnung originalgetreu wieder einzurichten. Der Küchenschrank, den ihr Vater selbst gezimmert hatte, stand ohnehin noch in derselben Ecke.

Wer etwas über Einwanderer erfahren will, über ihre Hoffnungen, ihre Leidensfähigkeit, ihren Pioniergeist, die sie alle teilten; aber auch über die unterschiedlichen Kulturen, die einander die Klinke in die Hand gaben; über die Profite, die Haus- und Fabrikbesitzer mit den billigen Arbeitskräften und willigen Mietern machten, findet keine bessere Adresse als 97 Orchard Street.

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