Lesen: Köln – viele Geschichten

Driessen

Der Titel des Buches ist ein wenig irreführend. Barbara und Christoph Driessen erzählen nicht „eine Geschichte“, sondern ganz viele. Von der eitlen römischen Kaiser-Mutter zum Beispiel, die ihren Geburtsort am Ende der Welt adeln wollte. Von den riesigen mittelalterlichen Flößen, die wie Naturgewalten den Rhein hinabtrieben, vorbei am unfertigen Dom. Vom „Kölnisch Wasser“, dem edlen Duft als Antwort auf den üblen Gestank verwahrloster Straßen. Von Anni Kerner, die als Kind vor den Nazis fliehen musste und keine Stadt je wieder so liebte wie Köln.

Man könnte dieses Buch in alle Welt verkaufen. Alle Kölner kennen das: Egal wo im Ausland sie erzählen, woher sie kommen, sie ernten immer ein „ah, Cologne!“, manchmal sogar ein korrekt ausgesprochenes „oh, Koeln!“ Der Dom, der Rhein und die Kunst, der Bahnhof, die Römer und die Messe – keine andere deutsche Stadt ruft so viele Assoziationen wach und stößt auf so viel Interesse. Oft kommen mehr Fragen auf als die Kölner beantworten können.

Insofern ist diese Geschichte Kölns goldrichtig für beide Seiten. Für die Bewohner der Millionenstadt, unter denen die „echte Kölsche“ längst eine Minderheit sind, und für alle, die sie mal besucht oder von ihr gehört haben – oder für die sie zur neuen Heimat wird.

Letztere werden eine Menge Neues erfahren, erstere ein bisschen nachdenklich werden. Zum Beispiel wenn es um den gerne gepflegten Kölner Glauben geht, die Nazis hätten die Stadt nie wirklich für sich eingenommen. Oder um das scheinbar unerschütterliche Selbstvertrauen. „Seine neue Rolle in der Berliner Republik hat Köln bis heute nicht gefunden“, schreiben Christoph und Barbara Driessen.

Sie haben einerseits ein sehr klassisches Buch geschrieben. Aufwendig gestaltet und mit tollen Fotos versehen. In 17 Kapitel gegliedert und chronologisch aufgebaut. Ohne Internet-Links oder Facebook-Auftritt.

Andererseits bricht diese Ansammlung von Geschichten mit allen Konventionen herkömmlicher Geschichtsbücher. Kein Quellenverzeichnis, keine Fußnoten für Oberlehrer, kein Stöckchen auf dem Hölzchen. Es ist ein Buch für Leute, die Spaß haben am Lesen. Die journalistisch geschriebene Texte mögen, sorgfältig recherchiert, aber gut erzählt, mit Bedacht formuliert, aber zugleich pointiert, sorgfältig aber nie schwerfällig.

Was übrigens auch für Christoph Driessens „Geschichte der Niederlande“ und „Rembrandt und die Frauen“ gilt.

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